Post von: Wer ist Christian Lindner?

In einem neutralen Umschlag ohne Briefmarke – Wer ist Christian Lindner, woher kenne ich den Namen? Ich mache auf, ach der.

Mein Mystery Direktmarketing Blick fällt auf den Brief, ich erkenne einige Gesetzmäßigkeiten und ich kann einfach nicht anders, also mal der Reihe nach:

Der Umschlag: Post in neutralen Umschlägen bekommt man häufig von Firmen, die Angst davor haben, dass ein gestalteter Umschlag dazu führt, dass der Brief ungeöffnet weggeschmissen wird. Es bleibt jedem selbst überlassen, diese Aussage in Bezug auf Herrn Lindner zu interpretieren. Vielleicht sind ja auch die Umschläge regional besorgt worden und deshalb neutral. Vielleicht hofft er aber auch nur auf eine höhere Öffnungsrate. Bei mir hat er das erreicht, aber aus anderen Gründen.

Form: DIN A 4 Einseitig beschrieben, so ein Format geht an Geschäftsleute. Bei Briefen an Privatadressen kann das Format auch anders sein und der Brief ist auch oft rückseitig beschrieben. Da die FPD sich gern als Unternehmer Partei sieht, könnte meine Geschäftsadresse gemeint sein (Geschäftlich und privat sind bei mir die gleichen Adressen).

Meine Adresse ist korrekt geschrieben, das Geschlecht auch (Das hört sich im Direktmarketing normal an, ist es aber nicht) Wo kommt sie her? Unten rechts ein Hinweis auf Quadress als verantwortliche Stelle aber oben im Adresskopf ein Zeichen der Deutschen Post – Dialogpost. Also höchstwahrscheinlich von der Post gekauft aber nicht verschickt, sondern von FPD Mitgliedern vor Ort persönlich verteilt. Ein Hinweis, dass der Verwendung meiner Daten zu Werbezwecken von mir widersprochen werden kann, lobenswert, aber ich habe den Brief ja schon.

Aufmachung: Normalerweise geht der Blickverlauf eines Lesers beginnend oben rechts, geht dann über Adresse und Betreff zu PS und Unterschrift, bevor er sich dem Text zuwendet und prüft, ob es den Aufwand wert ist, den Brief zu lesen.

In diesem Fall ein interessanter Betreff, Absätze und Einrückungen, einzelne Wörter im Text fettgedruckt, ein PS, wie aus dem Lehrbuch. Sogar die Unterschrift imitiert Tinte in einem Lila Ton (das blau der FDP wäre vielleicht noch interessanter gewesen), darunter Namen und Funktion ausgeschrieben. Man sagt, dass das Auge in solchen Fällen unbewusst versucht, den ausgeschriebenen Namen mit der Unterschrift zu vergleichen, sich also mit dem Namen beschäftigt. Ich erkenne zwar keine Übereinstimmung, beschäftige mich aber damit.

Gesamtbild: Da war sicher jemand mal auf einem Seminar zum Thema Direktmarketing und hat Versuche mit der Augenkamera erlebt und das Erfahrene gut umgesetzt. Und, wie ist der Gesamteindruck des Briefes? Irgendetwas stört?

Kommentar: genau, viel zu viel Text. Das macht den ganzen Brief kaputt. Da hat der arme aber gut ausgebildete Texter einen toll gestalteten Text gemacht, und dann haben die Kollegen von der FDP gesagt:“ Christian, viel zu wenig Information, da muss mehr rein, wir haben doch eine Botschaft, wir haben doch etwas zu sagen, das muss auch noch in den Brief“. Ich habe so etwas schon mal bei einem Brief einer Kreditkartengesellschaft gesehen, auch gut gemacht, aber dann 4 oder 5 Hinweise unter dem Brief mit Sternchen, alle aus der juristischen Abteilung. So einen Brief hätte ich nicht rausgeschickt. Der viele Text macht viel kaputt.

Das Parteiprogramm der FPD passt sowieso nicht auf diese Seite, das würde nicht mal bei der AFD klappen.

Ein Brief im Direktmarketing ist immer ein Aufreißer, nie ein Informant. Er ist dazu bestimmt, auf eine Information aufmerksam zu machen, nicht die Information selbst zu sein. Die eigentliche Information liegt dahinter in Form eines Flyers oder eines besonderen Textes (z.B. persönlicher Brief von Christian Lindner zur Bundestagswahl) oder beim E-Mail-Marketing in Form eines Links, der zu einem besonderen Text führt. Wer durch den Brief motiviert worden ist, nimmt sich jetzt die Zeit, den besonderen Text zu lesen.

Die Versuche von Prof. Vögele am Direktmarketing Institut in München haben gezeigt, dass der Durchschnittsleser nach 20 Sekunden beim Brief entscheidet, ob er ihn lesen will oder nicht. Hier sagt der erste Blick: viel Text, ah, es geht um die Bundestagswahl, ah, das ist sowieso immer dasselbe, ich weiß eh schon, was oder ob ich wähle also weg damit.

So sind große Effekte des Briefes verpufft, natürlich nicht bei den Anhängern der FDP, die den Brief mit Begeisterung lesen wird. Aber muss der Wurm dem Angler schmecken oder dem Fisch?

Soll der Brief die eigentliche Botschaft sein, gehören die meisten Direktmarketing Regeln raus und  Persönlichkeit rein – also z.B. in einer Handschrift ähnlichen Schreibtype mit lila Tinte.

Mir fallen jetzt noch ein Haufen politische Kommentare ein aber das ist ein anderes Thema.

Hier der Originalbrief

Christian Lindner

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